17.1.2013: DER LETZTE VORHANG — Theaterbesuch mit Diskussion

Wahrheit verpackt in eine Illusion: Von der (Ohn-)Macht der Liebe und des Theaters

Das UTT-Jahr 2013 startete mit einem echten Höhepunkt: „Der letzte Vorhang“ der niederländischen Starautorin Maria Goos mit den großartigen DarstellerInnen Suzanne von Borsody und Guntbert Warns. Beide Schauspieler sowie die Dramaturgie nahmen sich sehr viel Zeit, im Anschluss mit uns – KollegInnen und Studierenden aus Sinologie, Kommunikationswissenschaften, Journalistik, Elektroingenieurswissenschaft, Informatik und Sprachwissenschaft – zu diskutieren.

Auf den ersten Blick ist es alter Wein in mittelalten Schläuchen: Eine Dreiecksgeschichte mit metatheatralischen Bezügen?
Eine Schauspielerin im selbstgewählten luxuriösen Frühruhestand, die zurückkehrt, um noch einmal mit ihrem alten Bühnenpartner zu spielen? Und dabei widerstrebend mit vergangenen Gefühlen, gegenwärtigen Ängsten und zukünftigen Entwicklungen konfrontiert wird? Die sich schließlich dann zwischen Ehemann und Bühnenpartner entscheiden „muss“?
Gähn?

Doch das Stück von Maria Goos, die Inszenierung (Antoine Uitdehaag; Kooperation von EDT und Renaissancetheater Berlin) und vor allem die Darstellung durch Suzanne von Borsody und Guntbert Warns hatten eine thematische und dramatische Tiefe, die uns buchstäblich von den Sitzen riss.

Auch wenn die Frage, ob sich die Schauspielerin Lies denn nun besser für den exzessiven Richard oder ihren gesetzten Ehemann Wouter hätte entscheiden sollen, einige von uns durchaus beschäftigte, ging die Diskussion weiter – denn das Stück gab Anlass, über die Macht der Liebe und des Theaters allgemein nachzudenken.

„Ich glaube aber nicht, dass die Liebe das geeignete Instrument ist, um Menschen miteinander zu verbinden.“ (Rene Pollesch)

Richard – von der „Gattung der Noctiflorae“, Alkoholiker, moralistisch, unglücklich, selbstverliebt – ist eine „Karikatur“ (so Lies) des Künstlers. Er ergeht sich in langen theatertheoretischen Monologen. Im Gegensatz zu Wirtschaft und Werbung, die Lügen als Wahrheiten verkauften, verkünde das Theater „Wahrheit, verpackt in eine Illusion“. Dem Theater – und gerade Lies‘ Schauspielkunst – schreibt er die Möglichkeit zu, das Leben der Zuschauer zu verändern („Wir sind die emotionale Elite“).

Seine selbstproklamierte Liebe zu Lies ist besitzergreifend – mehrfach hat er massiven Einfluss auf ihren Lebensweg genommen. Den reichen Wouter parodiert er gnadenlos und bösartig und mit dem Ziel, ihn Lies zu entfremden. „Irgendwie verhalten sich Menschen in meiner Nähe nicht so, wie sie sind, sondern wie sie sein wollen. Und gerade dadurch sieht man so gut, wie sie wirklich sind“, bemerkt er stolz. Letztlich entlarvt er jedoch hauptsächlich sich selbst in seinem Kontrollwahn und seiner Radikalittät („Alles wollen. Alles. Total. Nicht nur beinahe“), aber auch seiner Einsamkeit, Verlassenangst und Sehnsucht nach Beständigkeit.

Lies, die Richards Pathos nicht teilen mag – lediglich „dressierte Affen“ seien Schauspieler – kann auf seine prätentiösen Betrachtung nur sarkastisch reagieren: „Schwadronierst du in der Kneipe immer noch jeden Abend so herum? “ Als Künstlerin sieht sie sich nicht. Ohnehin wäre sie lieber Musicalstar geworden und hat sich nur fürs Theater entschieden, um bei Richard zu bleiben. Unter der unausgesprochenen Liebe zu ihm hat sie lange gelitten; aus zwanzig Jahren gemeinsamen Spielens und einer kurzen Affäre blieben ihr zahlreiche Abstürze und eine traumatisierende Abtreibung. Sie hatte kurz vor dem Selbstmord gestanden, als sie sich zur Quasi-Flucht nach Frankreich und zu Wouter entschied.

Als sie nun, da dem alkoholkranken Richard die dritte Bühnenpartnerin abgesprungen ist, zurückkehrt, um „das Stück“, eigentlich jedoch ihn, zu retten, versucht er wiederum, ihr seine Echte LiebeTM schmackhaft zu machen. Er wirft ihr vor, ihr Herz zu verkaufen, da Wouter „nicht deine große Liebe“ sei. „Alles besser, als zusammen mit dir vor die Hunde zu gehen“, schleudert sie ihm entgegen, Die Liebe, und schon gar nicht der von Richard präsentierte amour fou, taugt für sie nicht als Lebensprinzip. „Was heißt schon echt?“ – bemerkt sie auf ein vermeintliches Rubens-Gemälde ihres Mannes bezogen. Sie zieht ein Leben im glücklichem Beinahe jenem im unglücklichen Exzess vor. „Früher fandest du glückliche Menschen zum Kotzen“, erinnert sie Richard– „Früher wusste ich nicht, wovon ich rede. “ Sein Liebesgeständnis empfindet sie als Versuch, sie zu kontrollieren: „Ich lasse mein Leben nicht wieder von dir bestimmen. “

Auch im Stück-im-Stück wird mit dem „kleinen, feinen Privatinferno“ der Figuren Kate und David dieser skeptische Blick auf das Klischee der romantischen Liebe bestätigt. Die beiden Charaktere zerfleischen einander und bestätigen von Jahr zu Jahr das Hemingway-Zitat, das David vorbringt (Kate: „Nicht immer Hemingway, wenn wir endlich mal ein gutes Gespräch haben“):

„If two people love each other, there can be no happy ending.“

Suzanne von Borsody spielt alle Frauenrollen (Richards unbegabte Bühnenpartnerin Jojanneke, Lies heute, Lies Anfang Zwanzig, Lies vor zehn Jahren, Jojanneke-als-Kate, Lies-als-Kate, Lies-als-Richards-unbegabte-Bühnenpartnerin-Karin) und Guntbert Warns alle Männerrollen (Richard heute, Richard Anfang Zwanzig, Richard vor zehn Jahren, Richard-als-Dave, Richard-als-Wouter und Wouter). Unterstützt lediglich von jeder Menge Bühnenalkohol und einem Sofa, das ebenfalls mehrere Rollen spielt (diverse Bühnen- und Probensofas, Karins Sofa, ein Hotelsofa, ein Hotel, ein Partysofa, ein Auto, eine Backstage-Garderobe), spielen sie zahlreiche verschachtelte Szenen, die zum Teil mitten im Satz und markiert nur durch eine winzige Geste oder einen Lichtwechsel ineinander übergehen.

Die eindrücklichsten Verwandlungen sind die erste und die letzte: Der Wechsel Suzanne von Borsodys von der hoffnungslosen Jojanneke in die selbstbewusste Lies, begleitet nur durch das Lösen eines Haarknotens, und das Auftreten von Guntbert Warns als „echtem Wouter“ am Ende des Stückes. Hatte man Lies‘ Ehemann zuvor nur als Zerrbild gesehen, tritt er in der letzten Szene in seiner sanften Wirklichkeit auf.

Wouter, der die Premiere gesehen hat, ist von Lies‘ Bühnenwirkung mitgerissen und bietet ihr an, nicht nach Frankreich zurückzukehren. So werden Richards Ansichten über das Theater – anders als sein Glaube an die Macht der Liebe – im und durch das Stück bestätigt. Die „Kraft des Individuums“, die Richard im Leben nicht aufbringen kann, entfaltet sich tatsächlich auf der Bühne. Wahrheit, verpackt als Illusion.

Lies hat, als der sanfte Wouter auftritt, bereits eingesehen, dass sie Richard nicht retten kann, und kehrt noch vor der zweiten Aufführung des Stücks-im-Stück mit ihrem Mann nach Frankreich zurück. Der erste Vorhang war der letzte.

Diskussion

  • Tatsächlich stiegen wir mit der Frage ein, welcher Mann denn nun die „richtige Wahl“ gewesen wäre. Verräterisch viele plädierten für Richard, fast niemand mochte sich zu Wouter bekennen – obwohl oder weil wir uns mit Hamburg (nach Wahrnehmung der in Berlin lebenden Darsteller) in der Stadt der Wouters befanden!
  • Die Betrachtungen über das Theater wurden von allen Theaterleuten als sehr treffend und angenehm klischeelos angesehen.Die Darsteller konnten sich damit identifizieren, wie die Passion fürs Theater den Alltag absorbiert. Guntbert Warns wies auf die Schwierigkeit hin, die Unvorhersagbarkeit und Unsicherheit, die das Schauspielerleben bedeutet, mit der Beständigkeit einer Familie zu verbinden (die anwesenden NachwuchswissenschaftlerInnen konnten es nachfühlen); Suzanne von Borsody verwies auf den legendären § 51 des Strafgesetzbuch, nach dem Schauspieler angeblich für zwei Stunden nach einer Aufführung als nicht zurechnungsfähig galten.
  • Besetzung: Suzanne von Borsody würdigte, dass im Stück ‚gegen den Strich‘ besetzt worden war , da sie eigentlich nicht der Typ Musicaldarstellerin, sondern eher der Typ „Richard“ sei – was sie sogleich durch (ironisch gebrochene) Kneipenmonologe zu bestätigen wusste.
  • Die Darstellung des parodierten und des echten Wouter bezeichneten beide Schauspieler als die schwierigste Aufgabe.
  • Wieder einmal diskutierten wir die Wechselwirkung von Publikum und Schauspielern. Beide betonten, dass die Wechselwirkung groß sei und die Reaktion des Publikums den Verlauf des Stückes beeinflusse. Wir zogen Parallelen zu unserer Aufgabe als HochschuldidaktikerInnen.
  • Einige visuelle VerschwörungstheoretikerInnen unter uns bemerkten, dass die Farbe des Kleides, das Lies/Kate trägt, mit der Farbe des Whiskeys, den Richard/David trinkt, korrespondiert – er trinkt sie!? Die Darsteller schwiegen sich darüber aus, verrieten uns aber, dass der Whiskey in Wahrheit Roiboos-Tee war.
  • Einen weiteren interessanten Blick hinter die Kulissen ermöglichte uns Suzanne von Borsody, indem sie uns ihr Text- und Notizbuch zeigte, in dem sie den gesamten Text abgeschrieben und nach Stückebene etc. markiert hatte.
  • Wir kamen einen ganzen Diskussionsabend lang aus, ohne die Namen Richard Burton und Elizabeth Taylor oder das Stück Wer hat Angst vor Virginia Woolf? zu erwähnen, auf die Lies und Richard sowie das Stück-im Stück eine Anspielung sind! Was nicht nur wieder einmal darauf verwies, dass wir immer noch keine TheaterwissenschaftlerInnen unter uns haben, sondern auch zeigte, dass sich genügend „Schnittmengen“ mit der Lebensrealität des Publikums ergaben, um sich auf einer rein psychologisch-reflexiven Ebene mit dem Stück auseinanderzusetzen. Die Bezüge waren groß genug, dass wir uns nicht in die Intertextualität flüchten mussten.

Jana Tereick

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