Termine im Dezember 2012

Freitag, 7. Dezember 2012, 19.30 Uhr: TARTUFFE
http://www.ernst-deutsch-theater.de/edt07/premieren/Stuecke_2012_2013_SZ/003Tartuffe.php
Im Anschluss Diskussion mit Dramaturg & Darstellern.
Anmeldung per E-Mail.

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18.10.2012: DIE NASHÖRNER — Theaterbesuch mit Diskussion

Von der Bedeutung, es ernst zu nehmen, oder:
Gestrichen voll auf den blinden Fleck

Mit bereits diversifizierter Gruppe (KollegInnen aus der Sprachwissenschaft, Juristerei und der Kunstwissenschaft kamen zusammen) hielten wir am 18. Oktober unseren zweiten Theaterstammtisch ab. Wir sahen Ionescos „Nashörner“ (Regie: Wolf-Dietrich Sprenger). Im Anschluss hatten wir Gelegenheit, Stück und Inszenierung mit den Hauptdarstellern Konstantin Graudus (Behringer) und Armin Dillenberger (Hans) und dem Dramaturgen Stefan Kroner zu diskutieren.

Die Nashörner erzählt davon, wie eine Kleinstadt von der bizarren Krankheit Rhinozeritis befallen wird. Die Bewohner verwandeln sich – mit Ausnahme der Hauptfigur Behringer – nach und nach in Nashörner.

Die Inszenierung des EDT präsentiert sich radikal. Zunächst einmal: radikal gestrichen. Ionescos kunstvoll verschränkte Dialoge, in denen die Natur der Nashörner ausführlich erörtert wird? Gestrichen. Die lange Ouvertüre im Café? Gestrichen. Behringers Schlussmonolog, in dem er sich als letzter Mensch der Kapitulation verweigert? Gestrichen.

Aber auch: radikal albern und widersprüchlich. Ionescos erbauliche Witze? Ergänzt um ausgedehnten visuellen Slapstick und Kalauer. Die Selbstreferentialität, mittlerweile nichts Neues mehr im Theater? Auf die verwirrende Spitze getrieben (Behringer ist zu Beginn im Theater, wird dann aber erst von Hans hingeschickt!?). Schmetterlings schmierige Altherrenkomik? Wird gleich zur sexuellen Übergriffigkeit.

Und vor allem: radikal in eine Interpretationsrichtung gebürstet. Lassen sich die Nashörner im Prinzip als Metapher für den „Hang zum Konformismus überhaupt“ (Esslin 1965: 143), entschlüsseln, lässt Wolf-Dietrich Sprengers Lesart keinen Zweifel daran, dass die Rhinozeritis als rechtsradikale Ideologie zu verstehen ist, mit einigen Bezügen zum NSU-Skandal: Die Nashörner bezeichnen sich selbst als „NSH“ – und Behringer wird am Ende erschossen.

Die NSH pflegen einen pöbelnden Sprachpurismus (bei Verwendung eines Fremdworts brüllen sie „Deutsch!“ und die Übersetzung – Fleischscheibe! Entschuldigung! Fernsprecher!), Behringer ruft die „Internationale Solidarität“ aus, rassistische Parolen und Runen im Bühnenbild, Springerstiefel, blonde Perücke – der Vorwurf des Holzhämmerns kam in unserer Gruppe schnell auf. Doch unsere Diskussionspartner verteidigten die Interpretation: Eindeutigkeit muss nicht immer flach und Kunst nicht immer subtil sein.

Im Gegenteil: Auf den monströsen blinden Fleck der ganzen Gesellschaft, den der NSU-Skandal aufdeckte, kann gar nicht eindeutig genug hingewiesen werden. Die These, dass subtiles Hingedeute da nicht angebracht ist, ist auf jeden Fall vertretbar. Die NSH zeigen: Es steckt in allen.

Vor dem Hintergrund dieser Interpretation ließen sich einige andere Irritationen auflösen. Uns hatte das Zwischenmenschliche gefehlt – die Freundschaft von Hans und Behringer und die Liebe zwischen Daisy und Behringer hatten wir auf der Bühne nicht gesehen. In der Diskussion erfuhren wir, dass dies durchaus Absicht war. Die individuelle Psychologie sollte den Figuren genommen und stattdessen ausschließlich die Faszination der Gruppe gezeigt werden.

Schlüsselszene dieser Interpretation ist die Büroszene: Sie zeigt im Kleinen, wie verschiedene gesellschaftliche Machtdynamiken (Hierarchie, Öffentlichkeit, Erotik, Tradition, Gruppenzwang) in einem lückenhaften Meinungsbildungsprozess zusammenwirken. Die Inszenierung findet einige starke Bilder für den Zwang, den die Gruppe ausübt, und die Schwierigkeit nein zu sagen.

Dies wäre möglicherweise nicht im Sinne Ionescos gewesen – schrieb er doch: „Das Sein des Menschen bestimmt das Sein der Gesellschaft, nicht umgekehrt“ (Ionesco: The Playwright’s Rôle, zitiert nach Esslin 1965: 98) – doch ist es ein durchaus stimmiges und eindrückliches „Wehret den Anfängen“.

In dieser Interpretation wird Behringer schuldig, weil er die NSH nicht ernst nimmt, sich sogar verschiedentlich lustig macht. Das Stück lehrt uns, sie ernst zu nehmen.

Weitere Punkte aus der Diskussion

  • Dass einige von uns durch Interpretationen aus dem Französischunterricht vorbelastet waren, gab uns Anlass zur Auswirkung von Interpretationen und Vorerwartungen auf den Theaterbesuch. Die Schauspieler berichtet davon, dass diese die Arbeit schwieriger machten. Insofern ist es vermutlich gar nicht schlecht, dass wir noch keine Literatur- oder TheaterwissenschaftlerInnen in unserer Gruppe haben …
  • Auf unsere Frage, ob sich von Vorstellung zu Vorstellung ein anderer Spannungsbogen ergebe, beschrieben die Darsteller eindrücklich die Dynamik, die jeder Abend entwickle – die Aufführung sei immer ein Geben und Nehmen. Zudem besteht das Theater eben nicht nur aus einem Stück. Für die einzelne SchauspielerIn gebe es außerdem einen gewissen „Lebensspannungsbogen“.
  • Wir fragten nach dem Durchbrechen der vierten Wand, wie man damit umgehe und wie man es kontrolliere – und ob es mittlerweile nicht ein abgegriffenes Stilmittel sei. Die Darsteller berichteten von ihren Erfahrungen aus dem Dialog mit dem Publikum und wie wichtig es sei, die Zuschauer nicht zu sehr zur Beteiligung aufzustacheln.
  • Ein Stück Irritation blieb uns auch, nachdem wir die Interpretation nachvollzogen hatten. Wenn die Inszenierung aufdecken soll, dass Rechtsextremismus eben nicht nur dumm, unpolitisch und trampelnd daherkommt, sondern in allen liegt, warum werden die Nashörner dann doch wieder als plump und grölend dargestellt? Wenn die Lesart auf die aktuelle Situation hindeuten soll, warum sind dann Dinge wie der „Volksschullehrer“ nicht aktualisiert?
  • Die Parolen auf dem Bühnenbild sind auch von anderer Warte aus zu kritisieren. Denn sie beinhalten extrem gewaltvolle Sprache (von „Arbeit macht frei“ über „Türken**tze“ bis hin zum N-Wort). Aus sprachkritischer Sicht ist darauf hinzuweisen, dass jedes Zitat das Zitierte auch reproduziert und die Reproduktion von gewaltvoller Sprache auch durch eine gute Absicht nicht zu rechtfertigen ist („Intent is not magic“).
  • In der Verwandlungsszene zeigt die Inszenierung Hans zu Beginn mit einem Laken zugedeckt. Dies veranlasste uns als Zuschauer interessanterweise anzunehmen, dass er bereits in ein Nashorn verwandelt sei. Warum sollte er versteckt sein, wenn sich nichts verändert hätte? Einige von uns hatten sogar diverse Hörner unter der Decke ausgemacht. Allerdings verwandelt er sich erst im Verlauf der Szene – paradoxerweise hatten wir die Szene als Verwandlungsszene also erkannt, obwohl sie nicht zu erkennen war: Das Laken zeigt die Bedeutung der Szene gleichzeitig an und nicht an – eine schöne Requisite!
  • Überhaupt überzeugte uns die Inszenierung durch starke Bildlichkeit. Die weißen Masken, die die NSH tragen, waren überaus eindrücklich und öffneten einen weiten Assoziationsraum (von den „Unsterblichen“ bis hin zu den kürzlich aufgedeckten Ku-Klux-Klan-Verstrickungen der Polizei). Sie fassten das Aufgehen in der Masse in ein einprägsames Bild. Unsere Diskussionspartner verrieten uns, dass man ursprünglich Gasmasken erwogen hatte – hier war auch unserer Ansicht nach weniger eindeutig mehr.
  • Die Inszenierung zeigte schön, dass Theater aus vielen verschiedenen Zeichen zusammengesetzt ist. Zu den visuellen kamen hier akustische Zeichen – der gesamte Sound wurde live von einer Percussion-Gruppe eingespielt. Und das war dann auf jeden Fall ganz in des Dichters Sinne: Denn jedes Ionesco-Stück ist eine Aufforderung genauer hinzusehen, genauer hinzuhören. Jana Tereick


Literatur


Martin Esslin (1965): Das Theater des Absurden.Aus dem Englischen von Marianne Falk. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

3.10.2012: SIPPSCHAFT — Theaterbesuch mit Diskussion

Eine Familie in der Sprachkrise

von Jana Tereick

Zum Auftakt der „Uni trifft Theater“-Reihe sah und besprach der Theaterstammtisch aus WissenschaftlerInnen und Studierenden am 3. Oktober das Familienstück Sippschaft von Nina Raine (deutschsprachige Erstaufführung). Es erzählt die Geschichte vom Emanzipationsprozess des jungen Billy, der als Gehörloser in einer Familie von Hörenden aufgewachsen ist.

Mit drei SprachwissenschaftlerInnen und zwei Philosophinnen war unsere Runde klar philologisch dominiert, was jedoch durchaus passend war. Denn in dieser Sippschaft spielt die Sprache eine entscheidende Rolle – und hat einiges mitzumachen. Nicht nur wird sie pausenlos herausgeschrien, unterbrochen und übertönt, sie wird auch beständig reflektiert und diskutiert. Die Figuren unternehmen einen irren und keinesfalls chronologischen Parforceritt durch die Geschichte der Sprachphilosophie vom mittelalterlichen Universalienstreit bis zum „postmodernen Dünnschiss“ (so Vater Christopher).

Während Billy über seine erste Liebe Sylvia, die gerade ihr Gehör verliert, erstmals Zugang zur Gehörlosen-Community findet und sich zum ersten Mal zugehörig fühlt, hadern die anderen Familienmitglieder mit ihrer Stimme:
Der Sohn Daniel steckt mitten in der Sprachkrise des 19. Jahrhunderts, die Mutter Beth in der Schreibblockade, die Schwester Ruth flieht in den Gesang, zweifelt aber an ihrem Talent. Christopher, der Vater, zerpflückt die Sprachtheorien des französischen Poststrukturalismus, pflegt einen ausgeprägten sprachlichen Determinismus und ist damit beschäftigt, verschiedene Formen von Sprache hierarchisch zu ordnen: Die Standardsprache sei den Dialekten und die verbale der Gebärdensprache überlegen.

Abgerundet wird die Debatte durch metakommunikative Überlegungen zu Ironie und Subtexten. Doch trotz aller Sprachdiskussionen, die die Familie führt – oder gerade deswegen? (Das wäre dann Nina Raines eigene Sprach(reflexions)kritik)  –, ist es Billy, der doch aus all diesen Debatten ausgeschlossen wird, der als einziger Subtexte tatsächlich wahrnimmt. Den Hörenden hingegen fehlt die Kompetenz, zuhören zu können. Es bleibt den Außenseitern, Billy in seiner Familie und Sylvia in der Gehörlosen-Community, vorbehalten, die verschiedenen Stämme (Tribes ist der Originaltitel des Stücks) mit ihrer eigenen Sprache, ihren Hierarchien und ihren großen blinden Flecken zu durchschauen. Und was Daniel nicht gelingen mag: die „eigene Sprache zu finden“, schafft schließlich Billy, indem er seinen Stamm verlässt und – aufhört zu reden.

In der Diskussion beschäftigten uns u.a. folgende Punkte:

  • Aus Sicht der Soziolinguistik interessierte uns die Frage, wie die Familie über ihre Sprachpraxis wahrgenommen wird. Im Original ist sie klar als sophisticated gezeichnet. Im Deutschen wirkte das Geschreie und Gefluche jedoch auf einige der DiskussionsteilnehmerInnen zum Teil eher banal und vulgär — hier sei einiges an Subtilität und Virtuosität in der Übersetzung verloren gegangen.
  • Ähnlich transportierte die Inszenierung unserem Eindruck nach unzureichend die Faszination, die die Familie auf die ertaubende Sylvia ausübt (die im tragischen Ausruf „Nicht alles in meinem Leben kann taub sein“ gipfelt). Dem Sich-Messen und Sich-Hochschaukeln im Dialog zwischen Christopher und Sylvia und der Beziehung zwischen Daniel und Sylvia wurde insgesamt wenig Raum gelassen.
  • Dennoch wurde ausreichend deutlich, wie die Familie Reflexion, Bildung und vermeintliche kritische Offenheit nutzt, um sich nach außen hermetisch abzuriegeln. Auch die Parallelität zwischen sprachlicher und emotionaler Übergriffigkeit beeindruckte uns.
  • Wir hatten eine der gebärdengedolmetschten Aufführungen gesehen. Während die Gebärden die Dialoge leicht zeitversetzt übersetzen, verhielt es sich an den Stellen im Stück, in denen gebärdet wird („Er labert nur Scheiße“), umgekehrt. Hier sorgt das Stück für einen Ausgleich in der Lacherhierarchie. Ähnliches gilt für die Entscheidung der Inszenierung, den gesamten Text zu übertiteln – auch dies ließ die hörenden Zuschauer spüren, wie es sich anfühlt, wenn man beispielsweise einen Witz schon antizipiert, weil man den Übertitel schon gelesen hat. Die Übertitel gaben uns zudem Anlass, über das Verhältnis von Skript und Performance und über die Transkriptivität der ganzen Inszenierung zu sprechen.
  • Uns überzeugte, wie die Inszenierung die verschiedenen semiotischen Ressourcen – gesprochene Sprache, Gebärdensprache, Mimik, Gestik, Musik – zu nutzen verstand, um komplexe Bilder zu transportieren — besonders im Schlussbild, das in seiner Versöhnlichkeit wesentlich geschlossener ist als das im Stück angelegte offenere Ende.

Wir diskutierten die gesellschaftliche Rolle von Taubheit und die Bedeutung der Aufgabe für eine hörende Schauspielerin, sich in eine ertaubende Person hineinzuversetzen. Interessante Beobachtungen zur gesellschaftlichen ‚Hierarchie‘ von Blind- und Taubheit macht David Lodge in seinem Roman Deaf Sentence:

„Deafness is comic, as blindness is tragic. […] [T]hey don’t differ only in degrees of sensory deprivation. Culturally, symbolically, they’re antithetical.Tragic versus comic. Poetic versus prosaic. Sublime versus ridiculous. One of the strongest curses in the English language is ‘Damn your eyes!’ (much stronger than ‘Fuck you!’ and infinitely more satisfying […]). ‘Damn your ears!’ doesn’t cut it. […] Nor would ‘Smoke gets in your ears’ be a very catchy refrain for a song. If smoke gets in your eyes when a lovely flame dies it must get in your ears too, but you don’t notice and it doesn’t make you cry. [..] The blind have pathos. Sighted people regard them with compassion […]. The dogs, the white sticks, the dark glasses, are visible signs of their affliction, calling forth an instant rush of sympathy. We deafies have no such compassion-inducing warning signs. Our hearing aids are almost invisible and we have no loveable animals dedicated to looking after us. (What would be the equivalent of a guide dog for the deaf? A parrot on your shoulder squawking into your ear?) Strangers don’t realise you’re deaf until they’ve been trying and failing to communicate with you for some time, and then it’s with irritation rather than compassion.“ (David Lodge: Deaf Sentence. London: Penguin 2009)

Auch in der künstlerischen Bearbeitung erscheint Blindheit wesentlich präsenter als Taubheit. Seit The Miracle Worker und Children of a Lesser God scheint Nina Raine das Thema Taubheit erstmals wieder prominent in einem Theaterstück thematisiert zu haben. Gleichzeitig weist ihr Stück weit über diesen Kontext hinaus. Als Stück über Entfremdung und Nähe in der Familie hat es universelle Gültigkeit. Die Literaturwissenschaft wird sich noch an ihm abarbeiten – und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Englisch-Leistungskurse damit malträtiert werden werden.

Termine im Oktober 2012

Mittwoch, 3. Oktober 2012, 19.00 Uhr: SIPPSCHAFT
http://www.ernst-deutsch-theater.de/edt07/premieren/Stuecke_2012_2013_SZ/001Sippschaft.php
Im Anschluss Diskussion mit dem Dramaturgen Stefan Kroner sowie Darstellern

Donnerstag, 18. Oktober 2012, 19.30 Uhr: DIE NASHÖRNER
http://www.ernst-deutsch-theater.de/edt07/premieren/Stuecke_2012_2013_SZ/002Die_Nashoerner.php
Im Anschluss Diskussion mit dem Dramaturgen Stefan Kroner sowie Darstellern